ZWISCHENMENSCHLICHE LANDSCHAFTEN[1]
Das erste Kapitel widmet sich Annemirl Bauers Porträts und ihren Mutter-Kind-Motiven sowie den Bildnissen ihrer Beziehungen zu anderen und zu sich selbst. Durch ihren Polylog schaffen die Werke einen intimen und privaten Raum, in dessen Mittelpunkt eines der Hauptthemen von Bauers künstlerischem Schaffen steht: die Frage danach, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Die menschliche Figur in all ihren Facetten prägte sämtliche Bildwelten Bauers. Schon in ihrer an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Berlin-Weißensee eingereichten Diplomarbeit mit dem Titel »Das neue Menschenbild« schrieb sie 1965: »Der richtige Weg der Kunst wird gefunden, wenn man danach trachtet, ein Mensch zu sein, der weiß, dass er nur mit den anderen Menschen und durch sie leben und glücklich sein kann.«[2]
Ihre Motive waren meist ihr vertraute Personen: Kinder aus der Nachbarschaft im Prenzlauer Berg und auf dem Lande[3], ihre Tochter Amrei, ihre Mutter, Freund:innen und Nachbar:innen; aber auch Gäste in Cafés oder Menschen, denen sie auf Reisen begegnete. Alles und jede:r, die:der sie umgab und besuchte, wurde durch Bauers besondere Beobachtungsgabe Teil ihres künstlerischen Kosmos. Sie schaute hin und nahm ihr Gegenüber wahr, »ganze Lebensgeschichten suchte sie darin zu erfassen«[4]. Sie ließ andere Lebensentwürfe zu, hatte tiefes »Vertrauen in die eigene Vorstellungskraft«[5] und erschuf Fantasiewelten – alternativ zu dem restriktiven System, dem sie ausgesetzt war.
Manche der Porträts sind mitunter bewusst verzerrt, von kräftigen Konturen, starken Formen und ausdrucksstarken Pinsel- oder Zeichenstrichen geprägt. Manche zeugen auch von Bauers findigem Umgang mit Farbe. Deshalb und weil sie sich ikonografischen Deutungen dezidiert entziehen, erscheinen sie zeitlos, rätselhaft und besonders eindringlich.
Beeindruckend sind Bauers Darstellungen von sich streitenden oder liebenden Paaren. Denn sie stellt sie ungeachtet tradierter und normativer Vorstellungen von Beziehungen dar und lädt genau dadurch dazu ein, diese Vorstellungen kritisch zu hinterfragen. Dafür zeichnet die Künstlerin sie in vielen kleinformatigen Zeichnungen mit dünnen Linien und reduzierten Konturen, die genügen, um die Innigkeit, die Nähe, aber auch Spannung sichtbar zu machen. Eine in Blau- und Erdtönen gehaltene Gouache auf Papier zeigt zwei Gesichter, deren Profile miteinander verschmelzen. Hier verwendet Bauer das in ihren Arbeiten immer wiederkehrende Motiv der Spirale, die das Innere mit der Außenwelt verbindet und für Verbundenheit, Bewegung, Leben und kosmische Ordnung stehen kann. In diesem Werk verweist sie gemeinsam mit einer Giftwolke auf eine visuelle Verdichtung von universellen Themen wie Liebe, Nähe und Verschmelzung, aber auch Abhängigkeit und Verlust sowie auf das Verhältnis des Menschen zu Natur und Umwelt und die menschliche Zerstörung ebendieser.
Zahlreiche Malereien, Collagen und Zeichnungen Bauers stellen Mutter-Kind-Motive oder Selbstbildnisse dar. Diese Werke thematisieren ihre Identität als Frau und Mutter, Mutterschaft in allen Facetten und ihre Selbstfindung in diesen Rollen. Werke wie »Nicht eines Lebens kunstgetriebene Schale… (Frauen, meiner Mutter gewidmet)« aus den 1980er-Jahren, »Loslösung« (o. J.) oder »Aus der Mutter die Tochter der weibliche Geist gefürchtet die Frucht und getötet vom Mann« (o. J.) bringen existenzielle Gefühle und Erfahrungen wie tiefe Verbundenheit, Verletzlichkeit, Verlustängste, Nähe, Abgrenzung und Abnabelung zum Ausdruck. Dafür greift Bauer mitunter auf die reiche Bildtradition christlicher Mariendarstellungen zurück, dekonstruiert sie im gleichen Zug und erzeugt einen intimen, introspektiven und gegenwärtigen Moment. In anderen Zeichnungen ist es eine einzige Linie, die in feinen Schnörkeln und Schlaufen, manchmal auch spiralenartig, mehrere Gesichter und Körper innig miteinander verbindet. Dass Bauer diese Zeichnungen anfertigte, ohne auch nur einmal den Stift abzusetzen, verleiht ihnen eine überraschende Stabilität. So versetzt sie die Dargestellten einerseits in einen intimen Schutzraum, erlaubt ihnen aber andererseits auch, sich voneinander zu entfernen. Eben diese Bereitschaft zur Distanz bricht mit der traditionellen Ikonologie von Mutterschaft als Institution.[6] Sie ersetzt die eindimensionale Figur der Frau als Gebärende, Fürsorgende, Schützende, Demütige durch ein Bild von Müttern als komplexe und facettenreiche Figuren. Damit reiht sich Bauer in eine Gruppe bemerkenswerter moderner Künstlerinnen wie Paula Modersohn-Becker, Käthe Kollwitz, Louise Bourgeois, Alice Neel und Miriam Cahn ein, die unsere Vorstellungen von Mutterschaft von den überwiegend aus männlicher Perspektive geschriebenen (Kunst-)Geschichten und visuellen Kulturen lösen und stattdessen weiblich geprägte Gegenbilder und diversere Geschichten entwerfen.[7]
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[1] Der Titel des Ausstellungskapitels ist einem Zitat der Künstlerin Annemirl Bauer entlehnt: »Nun sind es eben die Mauern, Durchbrüche zwischen den Menschen wie auch hoffnungsvolle Weiten und Freiräume, die ich erleben und erlebbar machen möchte. Es geht mir also um die zwischenmenschliche Landschaft dort und hier bei mir Zuhause.« Zitiert nach: Christiane Müller, »Feminismus, Frankreich, Fandarole. Christiane Müller im Gespräch mit Annemirl Bauer«, in: Asteris Kutulas (Hg.), Bizarre Städte, Sonderheft 1, Berlin 1989, S. 51–57, hier S. 57.
[2] Annemirl Bauer in einem Ausschnitt aus der Diplomarbeit, in: Kristina Volke (Hg.), In meinem eigenen Lande. Die Malerin und Dissidentin Annemirl Bauer, Ausst.-Kat. Deutscher Bundestag, Berlin 2012, S. 35.
[3] Annemirl Bauer zog 1976 gemeinsam mit ihrer damals siebenjährigen Tochter in ein altes und renovierungsbedürftiges Pfarrhaus in Brandenburg. Bauer zog sich hierhin zurück, auf der Suche nach Natur und einem Atelierraum und um den zunehmenden Repressalien der SED zumindest zeitweise entkommen zu können. Zuvor lebte und arbeitete Bauer am Helmholtzplatz im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg in einer alten bescheidenen Ladenwohnung, die zugleich Wohnraum für sie und ihre Tochter war.
[4] »›In der Fantasie sind die Gedanken frei.‹ Amrei Bauer im Gespräch mit Marie Gerbaulet«, in: Marie Gerbaulet, Anna Schneider (Hg.), Annemirl Bauer. Bruch ist in der Welt, Ausst.-Kat. DAS MINSK Kunsthaus in Potsdam, Berlin 2026, S. 170–180, hier S. 172.
[5] Ebd., S. 180.
[6] Mutterschaft als Institution ist ein zentraler Gedanke aus dem Werk der US-amerikanische Feministin, Dichterin, Dozentin und Autorin Adrienne Rich, insbesondere aus ihrem Buch Of Woman Born von 1976.
[7] Anlass zu diesen Gedanken hat mir die 2025 erschienene Publikation Mothering Myths – An ABC of Art, Birth and Care, herausgegeben von Laurie Cluitmans, und der darin erschienene Essay »Beyond the Madonna« von Rosemarie Buikema gegeben.